Der kornische Verkehr

Dieser Post ist Teil der Serie über Cornwall 2013.

Wie schon in Malta können Beobachtungen des Straßenverkehrs für Deutsche sehr interessant ausfallen. Über die Allgegenwärtigkeit der Roundabouts im englischen Straßenverkehr braucht man bei ihrem legendären Ruf nichts mehr zu sagen (zur korrekten Fahrweise der Roundabouts unten noch etwas mehr). Daß die überwiegende Zahl der kornischen Autofahrer aber ebenfalls über ein hervorragendes Augenmaß verfügen, die einem Touristen durchaus die Luft einziehen und anhalten läßt, mag wohl eher an der oftmals schmalen Fahrbahnbreite auf Nebenstraßen liegen, die zu beiden Seiten mit bewachsenen Natursteinmauern als Windschutz eingefaßt sind. Aber, alles der Reihe nach…

Roundabouts

Findet man die englischen Roundabouts, die aufgrund des Linksverkehrs im Uhrzeigersinn gefahren werden, anfänglich doch ziemlich gewöhnungsbedürftig, so fühlt man mit der Zeit auch deren Vorteile: Aufgrund der deutlich geringeren Anzahl an Ampeln ist der Verkehr deutlich flüssiger und weniger getaktet. Dies wird insbesondere durch die Roundabouts begünstigt, die bei wenig bis mittlerem Verkehrsaufkommen einen durchgängig fließenden Verkehr erlaubt. Kommt es allerdings zu Spitzenzeiten zu erhöhtem Verkehrsaufkommen aus multiplen Fahrtrichtungen in eine Hauptrichtung (zum Beispiel das Abfahren aus den größeren Städten zu Zeiten der “Rushhour”), so entwickeln sich die Kreisverkehre schnell zu Staugaranten für die eine Fahrtrichtung.

Korrektes Fahrverhalten bei britischen Kreisverkehren

Korrektes Fahrverhalten bei britischen Kreisverkehren (Quelle)

Die Mehrheit der deutschen Autofahrer sind – aufgrund ihrer fehlenden Erfahrung in Kreisverkehren – die richtigen Regeln nicht bekannt. Besonders kennt man in Deutschland das korrekte Einfahren bei mehreren Spuren nicht – vom richtigen Blinken selbst bei einspurigen Kreisverkehren mal ganz zu schweigen. Hier deshalb eine Beschreibung wie ein englischer Roundabout mit zwei Spuren korrekt befahren wird (man beachte, daß dies nur für die Insel gilt – die Straßenverkehrsordnung sieht teilweise andere Regeln vor!):
Die linke Spur dient zum direkten Abbiegen. Sie wird primär dafür verwendet, daß der einfahrende Verkehr die direkt nächste Ausfahrt nehmen kann. Die rechte Spur gilt für alle anderen Ausfahrten. Natürlich muß ein Fahrzeug auf der rechten Spur irgendwann die linke Spur kreuzen, um ausfahren zu können. Deshalb hat auch der innenlaufende Verkehr im Kreisverkehr Vorfahrt gegenüber dem außenfahrenden. Eine gute Darstellung, wie das Verhalten richtig ist, findet man bei Wikipedia unter der englischen Version des Artikel Kreisverkehr. Besonders erwähnenswert ist dabei noch, wie und wann zu blinken ist: Je nach gewünschter Ausfahrt muß der auf der linken Seite fahrende bereits bei der Einfahrt in den Kreisverkehr entweder links (erste Ausfahrt), gar nicht (zweite Ausfahrt) beziehungsweise rechts (dritte Ausfahrt) blinken. Entsprechend ordnet er sich schon vorher ein (linke Fahrspur für die erste Ausfahrt, mittlere Fahrspur für die zweite und rechte Fahrspur für die letzte Ausfahrt).
Daß all dies naturgemäß nicht so “heiß gegessen, wie es gekocht wird”, ist wohl selbstverständlich; korrektes Blinken findet genausowenig statt, wie das saubere Umfahren des Kreisverkehres, wenn dieser flach ist und man “geradeaus” fahren möchte. Wenigstens in Sachen Vorfahrtsregelung machen es sich die Briten deutlich einfacher: Kreisverkehr ist Kreisverkehr und Fahrzeuge im Kreisverkehr selbst haben immer Vorfahrt. Das gilt selbst dann, wenn kein “Vorfahrt gewähren!”-Schild bei der Einfahrt zu sehen sind (ganz im Gegensatz zu den deutschen Verkehrsregeln).

… Oder doch kein Roundabout?

Für Verwirrung kann dann dennoch Mischformen von Ampeln (die es übrigens in Großbritannien auch gibt) mit Kreisverkehren sorgen: Normale Kreisverkehre können auch zusätzlich bei den Einfahrten mit Ampeln geregelt sein. Diese sollen gerade bei Stoßzeiten dafür sorgen, daß eine Fahrtrichtung durch erhöhtem Verkehr nicht die anderen Richtungen dominieren. Dies kann geschehen, da der Verkehr im Kreisverkehr selbst immer Vorfahrt hat. Weiter verkompliziert werden kann dies dadurch, daß diese Ampeln mit “part-time” gekenntzeichnet werden. Das deutet darauf hin, daß besagte Ampeln an den Einfahrten nur zu bestimmten Zeiten Gültigkeit haben beziehungsweise nur dann eingeschaltet sind, wenn hohes Verkehrsaufkommen ist. Sind sie nicht aktiv, so gilt normaler Kreisverkehr.

Vollens für Verwirrung kann dann folgende Situation sorgen: An normalen Kreuzungen mit Ampeln ist auf dem Boden ein Kreisverkehr eingezeichnet. Dieser gilt dann auf jeden Fall für den rechtsabiegenden Verkehr im Ampelbereich. Die Vorfahrsregelung ist allerdings wie bei jeder normalen Ampel, das heißt der Fließverkehr hat Vorrang und der Abbiegende hat den Gegenverkehr passieren zu lassen. Dies widerspricht allerdings fundamental den Gegengebenheiten des Kreisverkehres, wo der Verkehr im Kreisverkehr stets Vorrang hat – die Vorfahrtsregelung kehrt sich plötzlich um. Einziger Hinweis hier ist, ob über der Ampel ein Kreisverkehrssymbol (ähnlichem dem StVO-Zeichen 215) angebracht ist (dann hat der “Abbieger” Vorfahrt) oder nicht.

Drive carefully!

Der Hinweis zum vorsichtigen Fahren findet sich praktisch an jedem Ortseingangsschild

Der Hinweis zum vorsichtigen Fahren findet sich praktisch an jedem Ortseingangsschild

Ein geflügelter, im Straßenverkehr allgegenwärtiger Ausdruck ist “Drive carefully!” (deutsch: “Fahren Sie vorsichtig!”). Er wird genauso als Abschiedsformel nach einem Gespräch vor dem Einsteigen ins Fahrzeug verwendet und findet sich praktisch an jedem Ortseingangsschild. In Hinblick allerdings auf die halsbrecherischen Fahrstile mancher britischer Automobilisten, die sich auf ihr sehr gut geschultes Auge gründen, kann es sich dabei aber nur mehr oder weniger um eine der vielen britischen Floskeln handeln.

“Rechts vor Links” – oder doch nicht?

Eine Regelung “Rechts vor Links” gibt es de jure in Großbritannien nicht – es muß deshalb immer die Vorfahrtsregelung ausgeschildert werden. Trotzdem kann man davon ausgehen, daß trotz Linksverkehrs nach dem Muster “Rechts vor Links” und nicht wie zu erwarten wäre “Links vor Rechts” gefahren wird. So schaut man zum Beispiel bei einer unausgeschilderten T-Kreuzung, die man vom Fuß her anfährt, gerne freiwillig nach rechts, bevor man links abbiegt – der Fließverkehr bremst nämlich nicht selbständig ab.

Autobahninfrastruktur

Generell ist festzustellen, daß die Straßeninfrastruktur deutlich weniger stark ausgebaut ist, weshalb die Durchschnittsgeschwindigkeit signifikant niedriger ist. Wenn man auf einer normal ausgebauten Autobahn in Deutschland problemlos mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern rechnen kann, so ist selbst auf der Haupt-West-Ost-Achse zwischen Bristol und London nicht mit mehr als 90 km/h zu rechnen – und diese ist im Vergleich zu manch üblicher Autobahn sehr gut ausgebaut. Die niedrigere Durchschnittsgeschwindigkeit liegt aber nicht zuletzt auch an der in Großbritannien angeordneten Höchstgeschwindigkeit von 70 Meilen pro Stunde (etwa 112 km/h), an die sich aber auch nicht alle Briten halten. Durch die Volleyballkreuze (siehe unten), die praktisch bei jeder Ausfahrt auf der Autobahn zum Einsatz kommen, ist eine höhere Geschwindigkeit aber auch kaum möglich.
Ansonsten sind die britischen Verhältnisse auf der Autobahn mit denen auf deutschen Autobahnen recht vergleichbar: das “LKW-Spurproblem” ist auch dort sehr weit verbreitet – bedingt durch den Linksverkehr wird dort nur häufig “eine Spur zu weit rechts” statt links gefahren. Auffällig hingegen ist es, daß es weitaus mehr Fahrzeuge gibt, die deutlich unterhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit unterwegs sind, obwohl das Fahrzeug eine deutlich höhere Reisegeschwindigkeit zulassen würde. Überraschenderweise teilen sich diese langsamen Fahrzeuge die Spur mit den LKWs sehr konsequent und stören deshalb den normalen Fluß nicht.

Autobahnkreuze

Sofort auffällig ist auf den Autobahnen, daß ein anderes Abfahrtssystem verwendet wird: Autobahnkreuze in Kleeblattform, wie man sie von vielen deutschen Autobahnen her kennt, sind in Großbritannien völlig unüblich. Stattdessen kommen sehr häufig Volleyballkreuze vor; gelegentlich findet man auch eine Turbinenform, die sich übrigens viel leichter verstehen und fahren läßt, als man das gemeinhin annehmen würde. Das bringt ein wenig geistige Umstellung mit sich – allerdings sind die Kreuzungen deutlich leichter zu verstehen, als manche komplexen Autobahnkreuzungen wie zum Beispiel die Anschlußstelle Fankfurt-Miquelallee. Aus diesem Grund gewöhnt man sich auch relativ schnell an die andere Form der Abfahrten, wenngleich das Gefühl “einer Autobahn” für einen Deutschen auf der M4 so einfach nicht aufkommen will.

Nebenstraßen

Nicht nur der ganze Verkehr in Richtung Süden von Mevagissey führt durch diese "Durchfahrt", sondern auch ein Großteil der Fußgänger ist in dieser schmalen Gasse unterwegs

Nicht nur der ganze Verkehr in Richtung Süden von Mevagissey führt durch diese “Durchfahrt”, sondern auch ein Großteil der Fußgänger ist in dieser schmalen Gasse unterwegs

Kleinere Nebenstraßen sind sehr schmal ausgebaut und teilweise nur einspurig (das heißt: eine Spur für beide Richtungen!) zu befahren. Gelegentliche Ausweichstellen, wo die Fahrbahn mal “etwas breiter” wird, erlauben dann das aneinander Vorbeifahren zweier entgegenkommender Fahrzeuge.
Fehlt auf einem Abschnitt einer kleineren Landstraße mit zwei Spuren (eine Spur je Richtung) plötzlich der Mittelstreifen, dann ist hiermit nicht – wie in Deutschland üblich – eine freie Fahrbahnaufteilung gemeint, sondern ist vielmehr der zielsichere Hinweis darauf, daß die Fahrspur nicht breit genug ist, um zwei normale Fahrzeuge sicher einander passieren zu lassen. Der Verkehr, der auf seiner Seite eine größere Ausweichstelle zur Verfügung hat, hält dann an und läßt den anderen Gegenverkehr durch. Das Bedanken mittels “Handheben” beim Vorbeifahren ist dann für den passierenden Gegenverkehr obligatorisch und wird auch in aller Regel in die Realität umgesetzt.

Ein ähnliches Problem ergibt sich auch innerorts: Zwar sind die Straßen außerorts gelegentlich etwas breiter; innerorts stehen die alten Häuser allerdings so eng beisammen, daß Fahrzeuge nur nacheinander die Engstelle passieren können. Dies führt aber nicht dazu, daß die Straße zur Einbahnstraße werden würde (was oftmals verkehrstechnisch auch gar nicht funktionierte). Ebensowenig stehen dort Schilder, die klären würden, welcher Fahrrichtung Vorfahrt zu gewähren sei – obgleich der sonst allgegenwärtigen britischen Regelwut im Straßenverkehr. Einen Bordstein, der den Fußgängerweg von der Fahrbahn trennt, gibt es oftmals ebenso wenig, so daß wenigstens in der Engstelle die volle Spurbreite verwendet werden kann – wenn nicht eine für Reifen unfreundliche Treppenstufe im Weg ist. So kann ein Durchfahren von Hafenstädten wie Mevagissey durchaus zu einem Abenteuer werden. Die Hinweisschilder an Ortseinfahrten, die auf “enge Straßenverhältnisse in der (Innen)Stadt” hinweisen, dürfen also vom geneigten Automobilisten durchaus ernst genommen werden. In Hinblick auf die Unversehrtheit des Fahrzeuges sollte man ihnen deshalb Beachtung schenken.

Learner

Selbst als maltaerprobter Mitteleuropäer, der von sich selbst nicht behaupten würde, daß er signifikante Schwierigkeiten mit der Umstellung von Rechts- auf Linksverkehr hat, fragt man sich nach den obigen Erfahrungen, ob ein paar Fahrstunden für den britischen Verkehr am Anfang nicht schlecht gewesen wären. Wenn man diese “Investition” scheut, kann man sich zumindest in den großen Einkaufszentren in der Automobil- und Camping-Ecke für ein paar Pfund ein weißes Schild mit großem rotem “L” erstehen. Dieses an ein Fahrzeug angebracht, weist den restlichen Verkehr auf einen “Leaner” – also Fahranfänger – hin. Vielleicht sehen dann die Briten über den einen oder anderen Fauxpas des geneigten Deutschen leichter hinweg.

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