Wie journalisitischer Junkfood die Politik gefährdet

Stellen Sie sich doch die folgende Situation vor:

Der Papst unternimmt eine Reise, auf der er ein AIDS-krankes Kind besucht. Er segnet es und dem Kind geht es daraufhin eine kurze Zeit lang besser. Einige Tage darauf verstirbt es allerdings recht plötzlich. Tags darauf titelt eine Boulevard-Zeitung:

Papst tötet Kind – war es Mord?

Was ist geschehen: Der Papst hatte eine noch nicht ausgebrochene Virusinfektion. Durch den nahen Kontakt mit dem Kind hatte er es mit dem Krankheitserreger angesteckt, wogegen es nicht mehr genügend Abwehrkräfte besessen hatte.

Da Zeitungen mit ähnlichen Schlagzeilen auf “Seite 1” täglich millionenfach gelesen werden, stellt sich für mich in solchen Fällen – neben der vielleicht juristisch interessanten Problematik – die Frage nach der Größe der Chuzpe ihrer Autoren. Diese Stilart der Titel strotzt nur so vor Voyeurismus und Schlagzeilengeilheit. Häufig wird diese Form des Sprachgebrauchs gemeinhin mit investigativem Journalismus fehlinterpretiert und dabei mit Enthüllungsjournalismus verwechselt. Ferner wird dadurch der Meinungspluralismus in unserer Gesellschaft eingeschränkt, wodurch er auf Dauer Schaden nimmt. Hierdurch verliert der Bürger einen Teil seiner gesellschaftlich notwendigen Mündigkeit, wenn dieser sich ohne Kontrolle dem im Titel suggerierten, leicht zu konsumierenden Meinungsbild – wenn auch nur aus Bequemlichkeit – anschließt. Deshalb kommt es dann auch nicht unerwartet, wenn dadurch Bürger zum “politischen Stimmvieh” aufgrund von Meinungsmanipulation der Medien werden. Es darf somit auch nicht überraschen, wenn Politiker mehr auf ihre Popularität und ihr Ansehen in den Medien bedacht sind, als Probleme der Gesellschaft anzugehen, den offenen Diskurs über den adäquaten Konsens zu suchen und schließlich im Parlament verantwortungsbewußt und unabhängig zu votieren. Der von der Märzrevolution von 1848 geforderte, demokratische Volksverteter wird im Lichte dieser Perspektiven zum vom Volk gewählten “Medienmanipulator” – die Politik verkommt zur Theaterbühne und Lobbyisten zu dessen Souffleuren. Wen mag es dann wundern, daß die politischen Ergebnisse von den Bürgern in den letzten Jahren oftmals als sehr mager empfunden werden und sich eine grundsätzliche Politikverdrossenheit breit macht?

Wer jetzt pandorisch die Schuld alleine den titelabdruckenden Medien anlastet, der springt aber ebenfalls viel zu kurz und ist nicht besser als das genannte Gewerbe selbst. Nein, die Problematik liegt nicht nur bei der “Schreibenden Zunft”, sondern vielmehr auch an uns Bürgern selbst: Würde dieser Sensationsjournalismus nicht mehr von so vielen Konsumenten wie “Junkfood” täglich aufgesogen werden, würde aus allein wirtschaftlichen Gründen dieser Journalismus nicht mehr so viel publiziert werden können. Diese Zeichen der Zeit hat nicht zuletzt der designierte Ministerpräsident von Baden-Württemberg erkannt und fordert den “zivilisierten Streit” von seinen Mitbürgern ein. Welche Gesellschaft wir also haben wollen, entscheiden wir gegenwärtig nicht zuletzt an einem Platz, der sonst mit Politik nur gelegentlich in Verbindung gebracht wird: dem Kiosk. Denken Sie daher an diesen Artikel, wenn Sie das nächste Mal zu der einen oder anderen Zeitung greifen wollen.

Disclaimer: Die oben beschriebene Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind zufällig und unbeabsichtigt, würden den Autor allerdings auch nicht überraschen.

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